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SmartRail 4.0 – und die Kundensicht?

In der Nacht 1./2. Dezember 2017 luden SBB, Stadler Rail und der VöV zu einer Testfahrt ein von Bern nach Olten mit einem «selbstfahrenden Zug». Pro Bahn Schweiz war dabei. Die Tagespresse hat ausgiebig berichtet.
 
Was bringt ein autonom fahrender Zug dem Kunden?
Mittelbar noch nichts. Aber es zeigt, dass die öV-Branche mit ihrem Projekt SmartRail 4.0 den Bahnverkehr für die Zukunft fit machen will. Der Verkehr auf dem schweizerischen Normalspurnetz wird heute schon zu 90% automatisch abgewickelt, gesteuert von den fünf Betriebsleitzentralen in Zürich Flughafen, Olten, Lausanne, Spiez und Polleggio. In einem modernen Schienenfahrzeug gibt der Lokführer die Soll-Geschwindigkeit ein, der Rest übernimmt der Computer. Was liegt da näher als mit Automatic Train Operating (ATO) beides zu verbinden? SBB und Stadler zeigten auf der Testfahrt wie’s funktioniert. So schnell wie erlaubt, so energieeffizient wie möglich und absolut sicher. Der Lokführer schaut mit verschränkten Armen zu. Vorläufig möglich auf denjenigen Strecken, die mit dem europäischen Signalisierungssystem ETCS Level 2 ausgerüstet sind, d.h. auf den Bahn-2000-Strecken Bern/Solothurn – Olten, in den Basistunnels Lötschberg und Gotthard.

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Einzig die Anschrift «Medienanlass» verrät, dass
dieser Regio-Doppelstöcker 511 soeben eine
selbstfahrende Premiere absolviert.

Zu teuer, sehr komplex, abhängig von Monopol-Lieferanten und deshalb zu langsam in der Einführung sei die Verknüpfung lediglich mit ETCS Level 2, um das ganze Netz damit auszurüsten, so Vertreter der öV-Branche. Mit dem Projekt SmartRail 4.0, für welches sich SBB, BLS, RhB, SOB und der VöV zusammengeschlossen haben, bekennen sie sich zur grundsätzlichen Weiterentwicklung des Systems Bahn durch den gezielten Einsatz von digitaler Technologie, um die nötigen Kapazitäten zu schaffen. Nur mit digitaler Technik wird es möglich sein 30% Mehrverkehr auf dem – notabene mit dem Ausbauschritt 2030/35 – erweiterten Bahnnetz zu bewältigen. Kürzere Zugfolgezeiten = mehr Kapazität auf dem Netz. ATO ist ein Teilaspekt der vier Projekte, die unter SmartRail 4.0 subsumiert werden.

Solch innovative Wege können auch neuen Bahnstrecken zum Durchbruch verhelfen. Der direkte Tunnel Neuchâtel – La Chaux-de-Fonds dürfte damit ausgerüstet werden, was diese Investition sehr effizient erscheinen lässt und dadurch wohl ins Programm AS 200/35 Eingang findet. Im Rahmen von SmartRail 4.0 soll es auch möglich werden, unrentable Nebenstrecken wieder zu erwecken, sogar mit herkömmlicher Aussensignalisation. Die SOB hat berechnet, dass sie die Stichlinie Wattwil – Nesslau im Halbstundentakt ohne nötige Doppelspurinsel oder teure Ausrüstung ETCS Level 2 bedienen könnte. Ein Fahrzeug im ATO-Modus, das an den Linienenden ohne Zutun des Lokführers die Richtung ändert, dieser nur den Passagierwechsel beobachten muss und so die Strecke in 60 Minuten zweimal zurücklegen würde. Mit bisheriger Technik braucht’s den erwähnten Ausbau sowie zwei Fahrzeuge, zwei Lokführer, was viel unproduktive Wartezeiten mit sich bringt. Das reduziert die ungedeckten Kosten einer solchen Linie, spart Steuergelder und ermöglicht mehr Fahrgelegenheiten. Kundennutzen pur.

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Nichts deutet im Führerstand deutet darauf hin,
dass dieser Triebzug unter ATO von Rothrist nach
Mattstetten fahren wird. Bild in Olten geschossen.  

Ob sich der Lokführer während der Fahrt mit ATO dereinst zu den Passagieren gesellen kann, und sich um deren Wohlergehen kümmert, das dürfte wohl Utopie bleiben. Anders als in einem Jet, der vom Autopiloten gesteuert den Atlantik überquert und sich der Pilot in der Kabine aufhalten kann, braust ein Zug doch alle paar Minuten durch einen Bahnhof und hält zumindest in der Schweiz nach einer Stunde bereits wieder an. Die SBB wird auch mit ATO kein in sich abgeschlossenes Bahnsystem sein wie die Metro in Lausanne oder das von Stadler projektierte U-Bahn-Rollmaterial in Glasgow, alles vollautomatisch.
Ja, SmartRail 4.0, die digitale «Revolution» auf der Schiene bringt den öV-Reisenden durchaus einen Nutzen. Kein anderes Verkehrsmittel kann so viele Personen mit so hoher Geschwindigkeit von Stadt zu Stadt bringen wie die Bahn. Selbstfahrende Autos mögen sexy sein, selbstfahrende Züge werden effizient sein. Und Lokführer werden nicht verschwinden wie einst die Heizer auf der Dampflok. Ihr Berufsbild wird sich ändern, aber es braucht eher mehr davon wie Andreas Meyer, CEO der SBB, an diesem Anlass um Mitternacht versicherte.

(Bilder +Text: Kaspar P. Woker / Stephan Frei, 06.12.2017)


07.12.2017 12:07:07