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Der digitalisierte öV-Kunde

Hallo Easy Ride 2.0, ade GA  (Umfrage zu Easy Ride)

Als aufgeklärte Konsumenten wissen wir: Wenn eine Neuheit mit "eigentlich das Gleiche, aber besser als vorher“ angepriesen ist, soll man mit einer gesunden Portion Skepsis ans Vergleichen gehen. Das neue Easy Ride-Konzept wird als „Wie ein GA, nur besser“ angepriesen. Stimmt das?
"Der digitalisierte öV-Kunde“ hiess eine Veranstaltung des Datenschutz-Forums anfangs September an der Uni Bern. Zuerst stellte der Projektleiter Easy Ride bei den SBB, Santiago Garcia, das neue Konzept vor. Was vor elf Jahren in einem ersten Versuch begann, wird nun 2012 in einer verbesserten und vor allem massiv billigeren Version (200 statt 600 Mio Franken sind veranschlagt) noch einmal entwickelt. Für die Distribution sei die angedachte Version immer noch die beste Lösung, betonte Santiago Garcia gleich zu Beginn.
Warum die neue Version besser sei als das GA, begründete er damit, dass damit erstmals die Reihenfolge von Bezahlung und Beziehen der Leistung umgekehrt werde: zuerst fahren, dann bezahlen. Dass damit aber das jetzige Konzept von „Einmal bezahlen, ein Jahr lang fahren“ total über den Haufen geworfen wird, das Pauschalbetragkonzept Vergangenheit sein wird, das hingegen musste der Zuhörer fast erraten. Das Ganze wird natürlich als gerechte Lösung verkauft, wer viel fahre, bezahle auch mehr. Wie viel das sein wird – die Zukunft wird es zeigen.
Die Veranstaltung wollte aber vor allem auf die datenschützerischen Aspekte aufmerksam machen. Pascal Tschachtli, der Datenschutzbeauftragte der SBB, informierte sehr transparent über Erreichtes, Unklares, Grauzonen. Weil das technische Konzept noch entwickelt wird, konnte er natürlich zu vielen Bereichen noch keine abschliessende rechtliche Beurteilung abgeben.

Einige Stichworte:
> Welche Daten werden benötigt, wenn eine Person sich anmeldet, Kundin werden
    will? Wie sieht die  Bonitätsprüfung aus? Wem werden die Daten weitergegeben?
    Gibt es opt-in oder opt-out-Klauseln? Für PBS kann natürlich nur opt-in in Frage
    kommen.
> Die Karte muss bei Reisen ja immer mitgenommen werden. Wie kann sie
    vor unbefugtem Ablesen, auch ausserhalb der Fahrzeuge, gesichert werden?
> Wie sicher ist die tägliche Übermittlung der Reisedaten an die Rechenzentrale?
> Stammdaten und Reisedaten müssen in irgend einer Form getrennt werden;
    wie das passieren soll und kann, ist noch völlig offen.
> Konventionelle Kontrollen im Zug gibt es weiterhin, damit (möglichst) niemand 
    ohne gültige Karte reisen kann. Was passiert bei einem Reisenden ohne 
    gültigen Fahrausweis? Und was passiert vor allem bei einer nicht funktionierenden
    Karte? Hier muss ja die Unschuldsvermutung gelten.
> Wie lange werden die Daten aufbewahrt?
> Wer hat Zugriff auf die Daten? Angesprochen wurden Strafgerichte, Zivilgerichte,
    Staatsschutz. Wie sieht es aus mit dem internationalen Datenschutz, wenn zum
    Beispiel Erfassungsgeräte in ausländischen Kompositionen (siehe Info-Box)
    vorhanden sind?
Der dritte Redner, Viktor Györffy, Rechtsanwalt und Präsident von grundrechte.ch, ging vertieft auf einige dieser Aspekte ein, vor allem auf den letzten aufgeführten. Er zitierte aus dem Bericht des Eidgenössischen Datenschützers aus dem Jahr 2000: „Jedermann hat das Recht, sich frei zu bewegen. Dazu gehört auch das Recht, dabei nicht systematisch beobachtet zu werden.“ Anderseits macht sich niemand Illusionen über den marketingmässigen Wert der von den Transportunternehmen gesammelten Daten.
Frage:
Was ist die Zweckbindung dieser Daten? Dass sie auf Anfrage an Behörden ausgelie-fert werden, das wissen alle. Aber wo überall können sie ausspioniert werden – die sichere Datenübertragung ist, das zeigen genug Beispiele, eine Fiktion. Und wie werden die Daten aufbewahrt respektive weitergegeben? Wie wird fakturiert? Fragen über Fragen, und niemand weiss die Antwort. Deshalb ist es wichtig, dass auch eine juristische Laienorganisation wie Pro Bahn Schweiz die Entwicklung im Auge behält und sich rechtzeitig einmischt.
 
[Info-Box] Eigenschaften von Easy Ride 2.0
> Es wird eine Karte erster und eine zweiter Klasse geben.
> Der Kunde wird einmal erfasst und identifiziert und kann anschliessend einfach
    einsteigen.
> Die Erfassung erfolgt in den rund 15'000 Wagen, Bussen und Trams des direkten
    Verkehrs; sie wird immer während der Fahrt zwischen zwei Haltepunkten
    durchgeführt.
> Die Daten werden in den Fahrzeugen gespeichert und einmal pro 24 h abgerufen;
    Echtzeitdaten soll es also nicht geben. Die Kryptologie für die Übermittlung muss
    noch entwickelt werden.
> Ausländische Kompositionen mit Binnenverkehr CH (z.B. ICE und TGV) werden
    entsprechend ausgerüstet.
> Die Tarifgestaltung, also auch komplett neue Preismodelle, kann beliebig erfolgen,
    das System wird sie verarbeiten können.
> Die bisherigen Fahrausweisbezüge (Schalter, Automat, Internet) werden weiterhin
    angeboten, eventuell aber mit einem Zuschlag.
> Eine anonymisierte Prepaid-Lösung wurde diskutiert, wegen den hohen Beträgen,
   die im Fernverkehr aber anfallen können, wieder verworfen.
> Das Marketing der Transportunternehmen ist an der Verknüpfung der Stamm-
    und Reisedaten interessiert; wie die Einwilligung bei Vertragsabschluss aussieht,
    mit opt-in (ich mache ein Kreuzchen, wenn ich die Verknüpfung will) oder
    opt-out (ich muss ein Kreuzchen machen, wenn ich die Verknüpfung nicht will),
    ist noch nicht geklärt.
> Aus den Reisedaten lassen sich Bewegungsprofile erstellen, wie damit umge-
    gangen wird, ist noch nicht geklärt.
Text: A. Theiler


14.09.2012 06:44:50